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Es kann immer von Vorteil sein, wenn man sich grob mit den Sitten und Gebräuchen einer Kultur auseinandersetzt, bevor man sich in das Reiseland begibt. Speziell für die mongolischen Jurten bedeutet dies, dass es eine Vielzahl von Verhaltensregeln gibt, die mit Respekt behandelt werden müssen. Denn diese traditionellen Regeln gibt es teilweise schon seit Jahrhunderten. Sie sind fest in der mongolischen Kultur verankert und sind den dortigen Menschen sehr wichtig. Natürlich muss man das Ganze vor Reiseantritt nicht überbewerten und sich in einer Art Lehrgang wochenlang darauf vorbereiten. Dennoch kann es nicht schaden, wenn man die gängigsten Verhaltensregeln kennt und weiß, wie die Gepflogenheiten im Gastgeberland aussehen. Das Betreten einer Jurte ist mit vielen Regeln verbunden, an die sich jeder Gast zu halten hat. Aber keine Angst. Als Besucher aus der Fremde (sei es nun das Ausland oder eine Großstadt), genießt man bei den Nomaden den Status eines „gehörnten Hasen“. Was so viel bedeutet, dass man eine Art kindliche Narrenfreiheit eingeräumt bekommt, sofern man sich zumindest auf allgemeine Weise, die überall auf der Welt ihre Gültigkeit hat, zu benehmen weiß. Als „gehörnter Hase“ in ein Jurtenlager hinein zu gehen schützt allerdings nicht davor, dass das unsichere Auftreten im Bezug auf die Bräuche und Sitten bei den Einheimischen für große Unterhaltung sorgen könnte. Es ist aber nicht weiter schlimm, wenn man in das ein oder andere kulturelle Fettnäpfchen tritt. Vor allem mit Ausländern ist man sehr nachsichtig, wenn sie mit den vielen Regeln nicht vertraut sind. Doch ist man auch sehr davon angetan, wenn ausländische Gäste sich den Regeln entsprechend zu verhalten wissen. Was von daher also ein kleiner Anreiz sein kann, sich einige der Verhaltensregeln gut zu merken, bevor man eine Jurtensiedlung zum ersten Mal aufsucht.
Die Gastfreundschaft macht einen erheblichen Teil der mongolischen Kultur aus. Es stellt sowohl für die Gäste als auch für die Gastgeber immer ein freudiges Ereignis dar, wenn einer Jurtensiedlung ein Besuch abgestattet wird. Für den Gastgeber bedeutet das oft eine Abwechslung vom sonst recht isolierten Alltag. Außerdem kann er auf diese Weise in Erfahrung bringen, was in der Heimat des Besuchers und vielleicht auch auf dem Weg zu ihm vor sich geht. Ist dort ausreichend Wasser vorhanden? Wie ist der Zustand der Weiden? Wie sind die klimatischen Verhältnisse? Was gibt es sonst für Neuigkeiten in der Welt? Das sind Informationen, die für den Gastgeber von großer Bedeutung sein können. Zum Beispiel wenn er auf der Suche nach neuem Weidegrund ist oder um allgemein etwas von der Außenwelt zu erfahren. Zwar verfügen die meisten Jurten mittlerweile über ein Transistorradio und beziehen ihre Nachrichten daher, dennoch findet man es schöner, wenn die Nachrichten mit dem Besucher direkt in die Jurte einkehren. Der Vorteil neue Nachrichten überbracht zu bekommen, gilt für den Besucher übrigens gleichermaßen. Der alte Brauch, dass jedermann, überall und jederzeit ein Recht darauf hat, in eine Jurte einzukehren, verpflichtet die Jurtenbewohner zur Gastfreundschaft. Das regelrechte Verwöhnen und Verehren des Gastes gehört dabei ebenfalls zum alten Brauch. Durch diese alte Lebensweise war es dem Nomadenvolk gelungen trotz fehlender stationärer Siedlungen und Gasthäuser, in einem unwirtlichen und dünnbesiedelten Land ein Sozialgeflecht aufrechtzuerhalten, in dem sich jeder auf Schutz vor der Nacht und Nahrung verlassen konnte. Diese Gastfreundschaft der Nomaden hat also nicht nur mit Höflichkeit zutun, sondern auch mit gegenseitiger Unterstützung zur Sicherung des Überlebens. Wenn man das weiß, versteht man vielleicht auch, warum so viel Wert auf Gastfreundschaft und die damit verbundenen Regeln gelegt wird.
Viele Jurten haben zum Schutze vor Wölfen und Eindringlingen einen oder mehrere große Hunde. Weshalb man erst einmal abwarten sollte, bis die Hunde festgebunden worden sind, bevor man sich zu nah an die Jurte begibt. Als Nächstes gilt es zu beachten, dass Anklopfen so ganz und gar nicht zu den Gepflogenheiten des Nomadenvolkes gehört und man sich von daher auch einprägen sollte, es nie zu tun. Was im Westen wiederum als „unhöfliches Hereinplatzen“ gedeutet werden könnte, gehört in Jurtensiedlungen zur Gastfreundschaft. Beim Betreten der Jurte ist es außerdem sehr wichtig, niemals auf die Schwelle zu treten – da dies ein vom Gast verursachtes schlechtes Omen für die Familie des Gastgebers bedeutet. Ebenfalls sollte man dabei beachten, den Kopf immer weit genug gebeugt zu halten, um nicht an den Türbalken zu stoßen. Die Türen einer Jurte sind immer sehr niedrig gehalten, weshalb man diesen Brauch nicht nur aus Höflichkeitsgründen beachten sollte. Hektische Besuche, bei denen man kurz reingeht, um etwas zu fragen und wieder geht, gibt es nicht. Man sollte sich immer die Zeit nehmen sich hinzusetzen und wenigstens vom angebotenen Tee zu probieren. Andernfalls gilt man als sehr unhöflich seinem Gastgeber gegenüber. Nachdem man die Jurte betreten hat, wird der Gastgeber dem Besucher in der Regel einen Platz zuweisen. Falls nicht, gilt, dass man sich im Uhrzeigersinn auf den nächsten Platz auf der linken Seite hinsetzen sollte. Die Zuweisung von Plätzen bestimmt in der Jurte die Rangordnung, weshalb es wichtig ist, sich nicht einfach irgendwohin zu setzen. Gäste finden immer auf der linken Seite Platz, während das Oberhaupt der Familie meist auf dem Ehrenplatz (Chojmor) sitzt, welcher sich gegenüber der Tür der Jurte befindet. Die Sitzordnung nach Rang gilt im Übrigen auch für die Gäste. Je näher ein Gast am Chojmor sitzt, desto mehr wird dieser geachtet und hat unter den Anderen vermutlich das Sagen oder genießt größeren Respekt. Die Gäste in der niedrigsten Rangordnung befinden sich demnach meist nahe der Tür. Frauen nehmen für gewöhnlich auf der rechten Seite der Jurte Platz, da dieser Bereich meist die Kochseite der Jurte darstellt.
Beim Hinsetzen sollte man darauf achtgeben, seine Füße nie in Richtung Herd auszustrecken. Das Sitzen oder Hocken mit gerade ausgestreckten Beinen gilt ebenfalls als unangebracht. Wenn der Besucher Platz genommen hat, bekommt er von der Frau des Gastgebers „weiße Speisen“ vor sich hingestellt. Weiße Speisen können die verschiedensten Milchprodukte sein, die man unter keinen Umständen ablehnen oder unberührt stehen lassen sollte. Neben den weißen Speisen kann es auch üblich sein, dass man einen Begrüßungstee serviert bekommt oder eine Schale „Airag“. Airag gehört ebenfalls zu den weißen Speisen, da es sich dabei um Stutenmilch handelt, die leicht alkoholisch und leicht kohlensäurehaltig ist. Es wird vom Besucher zwar nicht erwartet, etwas zu essen oder zu trinken, dennoch gilt, dass man es zumindest probieren sollte, um der Gastfreundschaft innerhalb der Jurte Respekt zu erweisen. Dabei genügt es schon, das angebotene Essen an die Lippen zu führen oder bei Getränken leicht daran zu nippen. Alles, was einem entgegengestreckt wird, muss mit der rechten Hand angenommen werden. Die rechte Hand wird dabei mit der linken Hand im Bereich des Ellenbogens gestützt. Es gilt insbesondere zu beachten, dass nackte Unterarme bei der Annahme des Gereichten ein Tabu sind. Trug man die Ärmel zuvor hochgekrempelt, sollte man sie zum Annehmen des Gereichten aus Höflichkeit wieder herunterkrempeln. Ein T-Shirt oder ein anderes kurzärmliges Kleidungsstück, bei dem man die Ärmel nicht herunterkrempeln kann, ist von daher sehr unvorteilhaft. Die Ärmel demonstrativ zur Annahme des Gereichten herunterzukrempeln kann wiederum ein Zeichen des Respekts bedeuten, weshalb man nicht immer im Vorfeld dafür sorgen muss, mit heruntergekrempelten bzw. langen Ärmeln in eine Jurte zu gehen. Während seiner gesamten Aufenthaltszeit in der Jurte sollte man sich außerdem davor hüten, zwischen den beiden, den Jurtenkranz haltenden Säulen, etwas durchzureichen oder die Säulen anzufassen. Das bedeutet für die Familie der Jurte nämlich Unglück und wird von daher nicht sehr gern gesehen werden.
Nachdem man ein paar Worte zur Begrüßung ausgesprochen hat, in der Jurte Platz genommen hat und weiße Speisen serviert bekam oder eine Schale Tee oder Airag in den Händen hält, beginnt der Gastgeber zu allererst damit, nach dem Woher und Wohin des Gastes zu fragen. Vom Gast wiederum erwartet er, nach dem Zustand seiner Gesundheit und dem seiner Familie gefragt zu werden. Außerdem nach der Lage in der Herde. Dies gehört zu den Floskeln des Begrüßungsgesprächs, weshalb die Antwort des Gastgebers immer eine gute sein wird, selbst wenn es sehr schlecht um die Dinge stehen sollte. Aber auch so sind die Nomaden für gewöhnlich nicht besonders gesprächig. Antworten fallen meist undurchsichtig und allgemein gehalten aus. Auf der Gegenseite werden Fragen an den Gastgeber, die aus seiner Sicht selbsterklärend sind oder den Besucher nichts angehen, als befremdlich empfunden. Gern gesehen wird es, wenn der Besucher von sich selbst und dem Ort, aus dem er kommt, berichtet oder Komplimente über die Landschaft der Mongolei macht. Letzteres sollte angesichts der wirklich schönen Landschaft kaum schwerfallen. Zu den üblichen Begrüßungsgesten gehört außerdem das Reichen der Schnupftabakflasche des Gastgebers an seinen Besucher, sofern er eine besitzt. Schnupftabakflaschen stellen eine Art Statussymbol dar und bestehen oft aus reich verziertem und edlem Material. Die Schnupftabakflasche wird mit der rechten Hand und leicht geöffnetem Verschluss an den Besucher überreicht und muss auf selbe Art auch Weise wieder zurückgegeben werden. Sollte der Besucher ebenfalls im Besitz einer Schnupftabakflasche sein, so werden diese als Geste untereinander ausgetauscht. Früher war der Austausch der Tabakpfeifen oder Schnupftabakflaschen eine Geste der friedlichen Absichten und gehörte fest zum Zeremoniell der Begrüßung. Wenn der Gast von dem Tabak nichts schnupfen möchte, sollte er die Flasche zumindest annehmen, um am Verschluss zu riechen und sie dem Gastgeber dann zurückgeben. Dabei ist zu beachten, dass der Verschluss bei der Rückgabe ebenfalls leicht geöffnet ist, da eine fest verschlossene Flasche ansonsten schlechte Zeiten für den Gastgeber bedeutet und ein Zeichen der Missgunst oder gar Feindseligkeit symbolisieren kann. Als besonders höflich wird empfunden, wenn der Gast sich vor der Annahme der Schnupftabakflasche die Ärmel demonstrativ herunterkrempelt, auch wenn diese bereits komplett heruntergekrempelt sind. Dies gilt im Allgemeinen auch für die Annahme von Speisen, Getränken oder Gegenständen.
Zur Gastfreundschaft in einer Jurte gehört vor allem eine Menge Essen und Trinken. Der Gast wird dabei verköstigt, bis er nicht nur satt geworden ist, sondern auch nichts mehr essen kann. Von daher wird die aufmerksame Hausfrau der Jurte auch jedes Mal nachfüllen bzw. nachschütten, wenn eine Schale des Gastes leer geworden ist. Das hört erst auf, wenn in der Schale etwas übrig bleibt und der Gast nichts mehr isst. Nicht aufzuessen ist also keineswegs ein Zeichen von Unhöflichkeit. In der Kultur der Nomaden brüstet man sich im Gegenteil mit Stolz, wenn man dem Gast mehr bieten konnte, als er überhaupt hätte essen können. Für Besucher, die von weit her kommen ist es oft üblich, entweder einen Hammel zu schlachten oder zumindest eine warme Mahlzeit anzubieten. Ablehnen sollte man, wie bereits erwähnt, nichts von allem, was man angeboten bekommt und das Angebotene zumindest probieren. Beim Probieren oder Essen sollte man außerdem darauf achten, nicht das Gesicht zu verziehen, das Essen gar auszuspucken oder daran zu riechen. Das würde den Gastgeber und die Hausfrau der Jurte kränken und ihre mühevolle Gastfreundschaft mit Füßen treten. Auch wenn manche Speisen für den europäischen Besucher recht eigenartig schmecken mögen, da der Magen es einfach nicht gewohnt ist, sollte man versuchen sich möglichst nichts anmerken zu lassen. Besonders das Teilen der eigenen Speisen, sei es auch das letzte Stückchen, das man überhaupt besitzt, ist ein wichtiger Bestandteil der nomadischen Kultur und ihrer besonderen Gastfreundschaft.
Die Sitzordnung wird zum Essen beibehalten. Wer in der Nähe vom Chojmor sitzt, kann seine Schale am dort stehenden kleinen Tisch abstellen. Denjenigen, dessen Platz in der Nähe der Tür ist, bleibt meist nur der Fußboden zum Abstellen der Schale. Bei manchen Speisen, wie etwa gekochtem Fleisch, kommt es vor, dass das Essen auf den kleinen Tisch neben dem Chojmor gestellt wird und sich jeder daraus selbst bedienen muss. Die Speisen werden dem Besucher ansonsten durch die Hausfrau oder den Gastgeber gereicht. Zur Gastfreundschaft gehört nicht zu selten auch Schnaps, den es zum Essen oder bereits davor zur Begrüßung gibt. Traditionell wird der Milchschnaps „Arkhi“ getrunken, der ähnlich wie Airag aus Stutenmilch hergestellt wird, allerdings aber deutlich stärker ausfällt. Die Stärke kann dabei je nach Herstellung variieren und sollte mit Vorsicht genossen werden. Er lässt sich zwar sehr leicht trinken und brennt auch kaum bis gar nicht auf der Zunge oder im Magen, kann nach einer bestimmten Menge aber starke Wirkungen zeigen. Typisches Merkmal ist, wenn man nach einer solchen Runde versucht aufzustehen und das Gefühl bekommt, dass einem die Beine weggezogen werden. Der Schnaps wird nach altem Brauch aus einer einzigen, meist silbernen Schale getrunken, in dem der Gastgeber immer wieder nachfüllt und die Schale reihum weitergereicht wird. Nachdem der erste Trunk eingegossen wurde, gibt der Gastgeber die Schale an den ranghöchsten Gast weiter. Dieser trinkt entweder daraus oder nippt nur kurz, wenn er nichts trinken möchte, und gibt die Schale dem Gastgeber anschließend zurück. Der Gastgeber füllt die Schale wieder nach, um sie an den nächsten Gast zu reichen. Selbst wenn nichts daraus getrunken wurde, werden symbolisch ein paar Tropfen hinzugefügt, um dem nächsten Gast dieselbe Menge anzubieten. Unter Mongolen ist es vor dem Trinken üblich, den Ringfinger in die Schale zu tauchen und die Tropfen darauf dann in die Luft zu spritzen. Auf diese Weise beteiligt man die Geister am Trunk, die die Jurte beschützen. Sollte man nach all dem vielen Essen und Trinken mal „austreten“ müssen oder wie der Mongole sagen würde „mal nach den Pferden sehen“, ist es wichtig ein Plätzchen aufzusuchen, dass ein ganzes Stück von der Jurte entfernt und nicht Richtung Gewässer liegt.
Bei einer Übernachtung in der Jurte ist es das Beste, sich nach den Hinweisen des Gastgebers zu richten. Dieser wird sich um eine möglichst angenehme Unterbringung bemühen. Wenn nicht genügend Betten vorhanden sind, in der Regel auch sein eigenes Bett abtreten und selbst auf der Erde schlafen. Wichtig ist dabei zu beachten, nicht als Erster aufzustehen und damit auf die Hausfrau der Jurte zu warten. Sobald sie aufgestanden ist, meist, wenn die Sonne schon steht und es draußen anfängt warm zu werden, und in der Jurte Feuer gemacht hat, kann sich auch der Rest aus dem Bett begeben.